Stadtradeln-Blog: Mein Weg zur Arbeit – oder: Was Fahrradfahren mit meinem Kopf macht

Von Stadträtin Dr. Jessica Martin

Ich radle jeden Tag zur Arbeit. Als Stadträtin, als Psychologin in der Geriatrie, als Mutter. Drei Rollen, die viel von mir verlangen und der Weg dorthin auf dem Fahrrad ist keine verlorene Zeit. Er ist meine Zeit.

Was passiert dabei eigentlich in meinem Kopf? Als jemand mit neurowissenschaftlichem Hintergrund interessiert mich diese Frage nicht nur am eigenen Leib. Wir wissen aus der Forschung, dass moderate Ausdauerbewegung ? und dazu zählt Radfahren ? die Ausschüttung von Dopamin anregt, nachweislich die kognitive Flexibilität verbessert und bei regelmäßiger Ausübung den Cortisolspiegel senken kann. Das Gehirn arbeitet danach besser, ruhiger, klarer.

Aber es ist mehr als Biochemie. Es ist das Draußensein. Die Luft, das Licht, der Wechsel der Jahreszeiten auf der Haut. Der Moment, in dem ich aufhöre, Nachrichten zu lesen, und anfange, die Stadt wahrzunehmen. Eine ältere Frau im Park, die langsam ihren Morgenspaziergang macht. Ein Rollstuhlfahrer heute morgen, der sich freundlich bedankt, weil ich ihm den barrierefreien Weg freihielt (auch wenn Rücksichtnahme eigentlich selbstverständlich sein sollte). Solche Begegnungen passieren nur, wenn man achtsam genug ist, um sie wahrzunehmen. Und das gelingt besser in direktem Kontakt mit der Umgebung.

Auf dem Weg zur Arbeit sortiert sich vieles von selbst. Der Kopf braucht Bewegung, bevor er sich konzentrieren kann. Wer einmal radelt, weiß, was ich meine.

Als Mutter und Stadträtin kenne ich das Gefühl, dass die To-do-Liste länger ist als der Tag. Irgendwo zwischen Frühstück, Schultasche und dem ersten Patientengespräch wartet die Frage: Wann bleibt da noch Zeit für mich? Die Antwort ist der Weg zur Arbeit. Diese dreißig Minuten auf dem Fahrrad gehören mir ? und sie machen mich, das merke ich jeden Tag aufs Neue, präsenter für alle anderen.

Und dann ist da noch ein Satz, den ich nicht vergessen habe. Ein Fachsymposium der geriatrischen Klinik, in der ich damals arbeitete. Ein hochrangiger Geriater am Podium ? und mitten in seinem Vortrag ließ er diesen Satz einfach so im Raum stehen:

„Wären sie mal früher mit dem Rad zur Arbeit gefahren“

Was mich daran bis heute beschäftigt, ist nicht der Vorwurf darin. Es ist die Einladung. Bewegung ist Prävention. Und das Fahrrad ist eines der zugänglichsten Mittel, die wir haben.

Der Weg zur Arbeit auf dem Fahrrad ist kein Kompromiss. Er ist der beste Start in den Tag, den ich kenne. Und vielleicht verhindert diese Gewohnheit, dass ich mir irgendwann sagen muss: „Hätte ich mich doch früher mehr bewegt“.

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Referenzen:

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