Schillerpreisträger Carl Wurster mit Hinweis auf seine Rolle im „3. Reich“ versehen

Der Gemeinderat möge beschließen: Alle öffentlich zugänglichen Informationen der Stadt Mannheim, insbesondere im Marchivum und online, über den Schillerpreisträger von 1966, Prof. Dr. Carl Wurster, werden mit dem deutlich sichtbaren Hinweis auf seine Rolle in der IG Farben und seine Mitgliedschaft in der NSDAP versehen.

Die Hinweise beziehen sich vor allem auf diese Funktionen:
– Carl Wurster war von 1937 bis Kriegsende Mitglied der NSDAP, während des 2. Weltkriegs mit dem Titel Wehrwirtschaftsführer
– Carl Wurster war 1938 bis 1945 Vorstandsmitglied der IG Farben. In dieser Zeit zwang der Konzern über 13.000 Menschen zur Zwangsarbeit. Tausende Zwangsarbeiter:innen starben dabei durch Erschöpfung und Krankheiten
– Carl Wurster war Verwaltungsrat der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung, die das Patent auf Zyklon B hielt, durch das Millionen Menschen in den Gaskammern der Vernichtungslager ermordet wurden

Begründung:

Die Verleihung des Schillerpreises an Carl Wurster ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Zum einen, weil er in seiner Funktion als Wirtschaftsführer – er durfte trotz seiner schwer belasteten Vita im Nachkriegsdeutschland als Vorstandsvorsitzender der BASF wirken – völlig aus der Reihe der Kulturschaffenden fällt, die mit dem Schillerpreis geehrt wurden und werden.

Zum anderen hat sich Carl Wurster durch Mitwisserschaft, Billigung, Förderung und zumindest indirekte Tatbeteiligung an schwersten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Daran ändert sein Freispruch beim IG-Farben-Prozess in Nürnberg nichts. Seine Verstrickungen in die NS-Maschinerie als Parteimitglied und Vorstandsmitglied in einem der führenden Konzerne des 3. Reichs, der tausende Zwangsarbeiter:innen versklavte und ermordete und das Zyklon B für die Gaskammern von Auschwitz lieferte, hätten Grund genug sein sollen, ihm niemals eine Ehrung wie den Schillerpreis zuteil werden zu lassen.

Die heutige Zivilgesellschaft und alle Entscheidungsträger:innen für die Verleihung des Schillerpreises sollten darüber diskutieren, ob Carl Wurster der Schillerpreis posthum nicht wieder aberkannt werden sollte. Das Mindeste muss jedoch sein, überall, wo dies der Stadt Mannheim und ihrer Institutionen möglich ist, auf die furchtbare Rolle deutlich sichtbar hinzuweisen, die Carl Wurster in der NS-Zeit eingenommen hat. Alles andere wäre gegenüber den Nachkommen der Zwangsarbeiter:innen und Holocaust-Opfer nicht vertretbar und würde den Schillerpreis dauerhaft entwerten.

Zugleich wollen wir mit diesem Antrag vorschlagen, alle Preisträger:innen des Schillerpreises auf „dunkle Flecken“ wie die Mitgliedschaft in NS-Organisationen und auf menschenfeindliche Handlungen in ihrer Vita zu durchleuchten. Eine aufrichtige Aufarbeitung würde nicht nur das Image des Schillerpreises, sondern der Stadt Mannheim als Preisverleiherin in der Öffentlichkeit stärken.

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Quellen:
– Wolfgang Proske (Hrsg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. NS-Belastete aus Baden-Württemberg, Band 10: NS-Belastete aus der Region Stuttgart. Gerstetten : Kugelberg, 2019, ISBN 978-3-945893-11-1, S. 506–520
https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/15584/Auschwitz-Konzern_2.pdf?
(S. 8 und S. 21ff)
http://www.wollheim-memorial.de/de/carl_wurster_19001974