Stadtradeln-Blog: Verkehrswende – eine Frage der Ambition

Von Stadträtin Dr. Jessica Martin

Was für eine Woche. Und durch alles zieht sich wie ein roter Faden das Thema Radverkehr, Straßenraum, und die Frage, wen wir eigentlich mitdenken, wenn wir über Mobilität reden.

Dienstag im Ausschuss: Schönrednerei statt Fortschritt

Am Dienstag war ich im Ausschuss für Umwelt und Technik. Auf der Tagesordnung: Mannheims Fortschritte bei den eigenen Klimazielen. Das Sorgenkind ist bekannt: die Verkehrswende. Was ich dort erlebt habe, war vor allem eines: verfehlte Ziele im Verkehrssektor, abgefedert durch Verweise auf frühere Erfolge und Fortschritte in anderen Bereichen.

Positivbeispiele aus dem Energie- und Wärmebereich ersetzen aber keinen Fortschritt auf der Straße. Und der bleibt bisher aus.

Autogerechte Strukturen, oder: „Parkplätze sind am Veranstaltungsort ausreichend vorhanden.“

Für Mittwoch hatte ich eine Einladung angenommen und auf der stand zur Anreise nur ein einziger Satz: ?Parkplätze sind am Veranstaltungsort ausreichend vorhanden.“ Der Veranstaltungsort lag rund 15 Kilometer außerhalb Mannheims. Vielleicht einfach gedankenlos. Aber eben auch nicht weitergedacht.

Ich bin trotzdem hingegangen. Mir ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben auch mit Menschen und Organisationen, die Verkehrsberuhigung noch als Einschränkung erleben. Ich erlebe das als Teil meiner Arbeit als Stadträtin. Denn ich bin überzeugt: Weniger Autoverkehr macht Orte attraktiver und belebter ? und davon profitieren am Ende alle.

Gefahren bin ich mit Bahn und Bus. Es war eine sehr volle Woche, und knapp 50 Kilometer mit dem Rad ? inklusive meines Arbeitswegs wären mir an diesem Tag einfach zu viel gewesen. Auch das gehört zu meinem Alltag als Alltagsradlerin: zu wissen, wann das Fahrrad wartet. Und trotzdem nicht zum (Carsharing-)Auto zu greifen.

Was ich mir für die Zukunft wünsche, ist eigentlich ganz einfach: ein Hinweis auf die nächste Bushaltestelle, eine Anfahrtsbeschreibung mit Bahn oder Rad. Das kostet nichts, aber es sagt etwas aus – nämlich dass nicht nur Autofahrerinnen und Autofahrer mitgedacht werden.

Die Bushaltestelle war übrigens direkt vor dem Veranstaltungsort.

Donnerstagabend: Wenn ein Unternehmen zeigt, wie Klima- und soziale Gerechtigkeit gehen – und was uns das für die Verkehrswende sagt

Am Donnerstagabend durfte ich bei der Feier zu 100 Jahren GBG dabei sein und dort hat mich ein Vortrag besonders beeindruckt. Dr. Antje von Dewitz, Keynote-Speakerin und Chefin der Outdoor-Marke Vaude, hat authentisch gezeigt, wie ein klima- und sozialgerechter Wandel im Unternehmen funktionieren und gleichzeitig wirtschaftlich zukunftsfähig sein kann. (Danke an die GBG-Unternehmensgruppe, dass sie sie eingeladen hat.)

Was mich dabei besonders bewegt hat: Auch Frau von Dewitz musste bei der Umstellung in ihrem Unternehmen Widerstände aushalten. Genau das gilt auch für Politik und Stadtverwaltung bei der Verkehrswende. Wer das aushält, kann trotzdem erfolgreich sein? man muss es nur wollen.

Alter Meßplatz/Schimperstraße: „Ich warte schon immer darauf, dass ihr endlich hier steht!“

Diese Woche fand an mehreren Tagen außerdem eine gemeinsame Aktion von FUSS e.V. und ADFC an der Querung Schimperstraße / Alter Meßplatz statt. Ein Zitat einer Passantin dort hat mich besonders getroffen: „Ich warte schon immer darauf, dass ihr endlich hier steht!“

ADFC und FUSS e.V. haben mit einer Pop-up-Aktion gezeigt, wie es besser gehen könnte: breitere Aufstellflächen, mehr Raum für Menschen mit Kinderwagen, Rollator, Fahrrad. Ich habe mir die Situation genau angeschaut. Zwischen Straßenbahntrasse und Autospuren bleibt auf der Mittelinsel kaum Platz für irgendjemanden, der nicht in einem Fahrzeug sitzt.

Meine Gemeinderatsfraktion LTK (Die Linke, Tierschutzpartei, Klimaliste) hat deshalb bereits im März einen Antrag gestellt, dort einen regelkonformen Aufstellbereich zu schaffen. Wichtig ist uns dabei, dass das kein Gegeneinander von Fuß, Rad und Bus sein darf. Soweit ich beobachten konnte, schafft der Bus den Spurwechsel aber problemlos oder nutzt den asphaltierten Gleisbereich.

Fazit: Weitermachen

Eine Woche voller unterschiedlicher Orte und Begegnungen, und doch lässt sich daraus eine Erkenntnis ziehen: Die Verkehrswende passiert nicht von selbst. Aber sie passiert, wenn wir nicht aufhören, daran zu arbeiten.